Archiv | Geschichte

Aus alten Akten Kirchenkampf in Charlottenburg
Predigt Nithack-Stahn vom 02.09.1911   
Pfarrer Gerhard Jacobi und KWG in der  Kirchenkampfzeit  
Chronik der Gemeinde
Chronik des Gemeindehauses

 


Aus alten Akten

Die 
KAISER-WILHELM-GEDÄCHTNIS-KIRCHENGEMEINDE
Berlin

Alte Akten erzählen aus der Zeit
von 1896 bis 1945


Beschwerden, Begebenheiten und Ereignisse in der Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, zusammengestellt aus den noch vorhandenen alten Akten von
Gerhard Limpach


Vorwort
Bei dem schweren Bombenangriff auf Berlin in der Nacht vom 22. zum 23. November 1943 wurde nicht nur die Kirche zerstört, sondern auch das Pfarr- und Gemeindehaus in der Achenbachstraße 18 - 19 (heute Lietzenburger Straße 37 - 39) schwer beschädigt. Die Folge war unter anderem der Verlust des größten Teiles des Aktenbestandes. Nur relativ wenige der in alter deutscher Schrift handgeschriebenen Schriftstücke aus der Zeit von 1896 bis 1945, zum Teil sehr schwer lesbar, sind verschont geblieben. Doch auch diese wenigen sind ein interessantes Zeugnis des Geschehens in jenen Jahren in der Kirchengemeinde. Um Menschen unserer Zeit den Zugang zu diesen Unterlagen leichter zu machen, habe ich, der ich noch in der Schule die alte deutsche Schrift erlernen musste, mir die Arbeit gemacht, aus dem wenigen Material nach meiner Meinung Interessantes, Wissenswertes und auch Unwichtiges, doch Lesenswertes herauszusuchen und aufzuschreiben. Das kann und soll keine Chronik, aber ein kleines Zeitzeugnis der Kirchengemeinde und der Menschen, die in ihr in jener Zeit lebten, sein. So mag sich der Leser heraussuchen, was ihn interessiert. 
Wer mehr wissen möchte, kann in der Homepage der Kirchengemeinde (www.gedaechtniskirche-berlin.de) unter "Archiv" nachlesen.

 

Berlin, im März 2008
Gerhard Limpach
 

***

 

Inhaltsverzeichnis mit Links auf einzelne Abschnitte

 

Zur Geschichte der Kirche und ihrer Gemeinde


Verhältnis und Spannungen zwischen dem Evangelischen
Kirchenbau-Verein Berlin, der Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächt-
niskirche und dem Gemeindekirchenrat  >>>  und  >>>
Ergebnis der ersten Kirchenwahl 1896  >>>
Zuschuss zur Bauunterhaltung der Kirche  >>>

 

Zum Kirchengebäude


Die Kirche in der Beurteilung von Zeitgenossen
Die Kirche abreißen und umsetzen >>>
Die Kirche ein Symbol für die Stadt >>>
Die Kirche unentbehrlich für das Stadtbild  >>>

Probleme der Kirche mit und durch den öffentlichen Verkehr
Durch den Bau der Untergrundbahn  >>>
Durch die Elektrifizierung der Straßenbahn  >>>
Erschwerter Zugang zur Kirche durch den starken Straßenverkehr  >>>
Ärger wegen Parkerlaubnis rund um die Kirche >>>

Probleme mit der Technik und dem Umfeld der Kirche
Gefahren der Elektrizität  >>>
Metalldraht- statt Kohlefadenlampen in der Kirche  >>>
Elektrizität bedeutet Feuergefahr >>>
Mangelhaftes Licht vom Kronleuchter >>>
Neonlicht-Einfassung des Turmkreuzes >>>
Fragwürdige Müllbeseitigung >>>
Vielhöreranlage für Schwerhörige >>>
Beschmutzung der Rasenflächen an der Kirche durch Bauarbeiter >>>

Verschiedene Angelegenheit zur Kirche
Siegesfahnen anbringen?  >>> und  >>>
Anfrage zur Offenhaltung der Kirche >>>
Mit welcher Fahne flaggen? >>>
Ein aufmerksamer Wachmann >>>
Beurteilung eines Gottesdienstes durch ein Organ der NSDAP >>>
Mutwillige Beschmutzung einer Kirchentür >>>
Verzicht auf ein Strafverfahren  >>>
Anfrage zur Kirchenbesichtigung >>>
Beflaggung der Kirche >>>
Kirchtürme als Domizil für Schleiereulen >>>
Fassungsvermögen der Berliner Kirchen >>>

Kirchenmusik
Anweisungen für die kirchenmusikalische Arbeit >>>
Der Kirchenchor (*)    >>>

 

Soziale Probleme und Nöte, kirchliche und sittliche Zustände, Seelsorge


Berichte über kirchliche und sittliche Zustände 1896 bis 1930  >>>
Protest des Gemeindekirchenrats gegen Errichtung eines Tanzlokals  >>>
Angebot eines Lehrgangs über Sittlichkeitsarbeit >>>
Anwesenheit der Eltern bei der Taufe ihrer Kinder >>>
Probleme der Trunksucht >>>
Trauung zwischen Menschen evangelischen und jüdischen Glaubens >>>
Die Not bei Arbeits- und Obdachlosen >>>
Kriegsblinde >>>
Patenschaft für die Zionskirchengemeinde >>> 
Wohnungsnot >>>
Pleiten im Amüsierviertel >>>

 

Zeitgeschehen

 

Sparmaßnahmen 1916 und 1923 (Papier und Abendmahlswein) >>>
Das Urteil über eine Arbeit von George Groß >>>
Verunglimpfung der Bibel und der kirchlichen Arbeit >>>
Warnung vor einem Besuch beim Papst  >>>
Taufen von Christen jüdischer Herkunft  >>>
 

 

Beschwerden aller Art

 

Beschwerden 1897 bis 1941  >>> 
Keine Rücksichtnahme auf eine alte Dame  >>>
Gefährliche Zugluft in der Kirche >>>
Die Kirchendiener haben es nicht leicht >>>
Der Kirchendiener bedroht eine alte Dame >>>
Ärger um die ermieteten Kirchenplätze >>> 
Wo bleibt die deutsche Sprache? >>>
Auf falschen Plätzen und ungebührlich benommen >>>
Ungezogenes Verhalten der Kirchenbeamten >>>
Der Jünglingsverein macht Ärger >>>
Kirchendiener verweigern eine Arbeit >>>
"Zwangshaft" eines Kirchenbesuchers >>>
Schon wieder die bösen Kirchendiener >>>
Eine fatale Störung des Gottesdienstes >>>
Lärmkulisse vor der Kirche >>>


Beide Bände werden hier vollständig als PDF-Datei zum Download bereit gestellt.
Band 1 (26,9 MB)  
>>>                             Band 2 (28,43 MB)  >>>


(*) Eine ausführliche Darstellung der Geschichte des Kirchenchores der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, die Gerhard Limpach aus dem Gemeindearchiv zusammengestellt hat, veröffentlicht die Kantorei der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in ihrem Internetauftritt >>>


Chronik der Gemeinde

Aus der Geschichte der
Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde
und ihrer gemeindlichen Einrichtungen

Zusammengestellt von
Gerhard Limpach
Günter Pohl

(Alle aufgeführten Daten und Fakten sind den
Unterlagen des Gemeindearchivs entnommen)

 

Inhaltsverzeichnis

I. Geschichte des Evangelischen Kirchenbau-Vereins Berlin

II. Geschichte der Stiftung "Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche"

III. Bemerkenswertes aus den Jahresberichten der Stiftung

IV. Biographie Franz Schwechten

V. Bedeutende Schwechten-Bauten in Berlin 1874 bis 1916

VI. Entstehung der ersten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche

VII. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche und ihre Gedächtnishalle

VIII. Biographie Egon Eiermann

IX. Baugeschichte der zweiten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche

X. Der Neubeginn der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde nach   
    dem Zweiten Weltkrieg - ?Auferstanden aus Ruinen?

    (Beitrag in "Alles hat seine Zeit" - 300 Jahre evangelisches Charlottenburg)

XI. Das Gemeindehaus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde
      Dokumentation von Gerhard Limpach 2006  
      Bericht von Günther Pohl 1978

XII. Der Kindergarten der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde

XIII. Die Kapelle auf dem Kirchhof der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde

- Jede Kapitelangabe ist mit einer PDF-Datei verknüpft, die sich auf Anklicken öffnet -


Predigt Nithack-Stahn vom 02.09.1911

„Völkerfriede“ 
„Sedan-Predigt“ von Pfarrer Walther Nithack–Stahn
am Sedanstag 1911 (Sonnabend, 2. September 1911) 
in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche über 1. Kor. 14,33: 
„Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens."
(unten als pdf zum Download)

Walther Nithack–Stahn (1866 – 1942), Pfarrer an der Kaiser–Wilhelm-Gedächtniskirche von 1906 bis 1929, veröffentlichte diese Predigt im „PROTESTANTENBLATT. Wochenschrift des deutschen Protestantismus“ 44. Jahrgang am 11. Oktober 1911 Nr. 41, Sp. 1185 – 1190. 
Zur Nutzung in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche 2013 wurde sie aus  deutscher Frakturschrift  von Ele Fuchs–Meier und Andreas Meier übertragen.
Am 28. August 1913 teilte Nithack–Stahn in der Zeitschrift „CHRISTLICHE WELT“ Nr. 35 mit, daß er diese Predigt am 23. Oktober 1911 dem Reichstagsabgeordneten August Bebel (SPD) mit folgenden Worten gesandt habe:
„Sie werden mit mir der Meinung seien, daß es Notwehrkriege gibt, bei deren Ausbruch ein christlicher Prediger, ohne das Gebot der Friedfertigkeit zu verletzen, den Sieg seines Volkes erwünschen kann. Wenn zugleich auf der anderen Seite christliche Geistliche dasselbe im Sinne ihres Volkes tun, so kann das freilich aus unchristlichem Chauvinismus  (oder aus anderen tadelnswerten Motiven) geschehen. Doch ist es wohl möglich, daß die Geistlichen hüben wie drüben aus der ehrlichen Überzeugung handeln, eine gerechte Seite zu vertreten.
Solche, objektiv betrachtet, unlösbaren Widersprüche entstehen doch wohl aus der Unzulänglichkeit menschlichen Urteils, die übrigens auch  im Kampfe politischer Parteien zutage tritt,  wo Vertreter kontrastierender Interessen mit gleich starker moralischer Überzeugtheit sich gegenüberstehen können. Der Gottgläubige knüpft seine Hoffnung auf den Sieg der Gerechtigkeit selbstverständlich an das Walten seines Gottes. Sofern man überhaupt das Beten als religiöses Bedürfnis anerkennt, wird man auch einem christlichen Geistlichen ein aufrich-tiges Gebet um den Sieg der ihm gerecht erscheinenden Sache nicht verargen können, selbst wenn sein Urteil irrig  wäre.     
Anstößig ist mir an den Kriegsgebeten nur dies – und darin stimme ich Ihnen durchaus zu – daß Christen sich an ihren Gott wenden in einer Situation, die als solche der Moral des Christentums widerspricht und zum mindesten von einer Seite durch Verletzung dieser Moral herbeigeführt worden ist. Darum liegt für mich der Fehler der christlichen Kirchen gegenüber dem Kriege nicht auf der von Ihnen bezeichneten Linie, daß irrtumsfähige Menschen sich  mit entgegengesetzten Wünschen an den Einen Gott wenden (das geschieht auch im alltäglichen Leben); sondern darin, daß die christlichen Geistlichen noch nicht aufgehört haben, aus einem falsch verstandenen Nationalgefühle den Krieg für ein „notwendiges Übel" zu halten.
Ich meinesteils halte es – mit einer immer wachsenden Zahl von Berufsgenossen – für meine Pflicht, unbekümmert um kriegerische Stimmungen machthabender Kreise, für den Völkerfrieden einzutreten, wie Sie u. A. aus der übersandten Predigt ersehen können… 

Hochachtungsvoll ergebenst    
Nithack–Stahn.“

 

Predigt Nithack-Stahn vom 02.09.1911 zum Download

 

Religiöser Appell von fünf Berliner Pfarrern für Verständigungsfrieden im Ersten Weltkrieg

Am 5. Oktober 1917, also im vierten Jahr des Ersten Weltkriegs und zugleich wenige Wochen vor dem 400. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag, erscheint im „Berliner Börsen-Courier“ ein Aufruf von fünf Berliner Pfarrern. Einer von ihnen: Walther Nithack-Stahn, seit 1906 an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, ein anderer Karl-August Aner von der benachbarten Trinitatiskirche. Der bayerische Pfarrer Friedrich Rittelmeyer, der in der Neuen Kirche (dem „Deutschen Dom“ am Gendarmenmarkt) amtierte, nutzte Kontakte mit Regierungsämtern in seiner Umgebung bei der Arbeit an der Erklärung. Inhaltlich knüpft die Erklärung an die Predigt an, die Nithack-Stahn am 2. September 1911, dem zur Erinnerung an den Schlachtensieg über Frankreich 1871 üblicherweise triumphalistisch inszenierten Sedanstag, unter der Überschrift „VÖLKERFRIEDE“ in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gehalten hatte.
 

Für den Verständigungsfrieden zum Download

 


Chronik des Gemeindehauses

der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde
Daten und Ereignisse aus dem Gemeindeleben
von 1897 bis 1987
zusammengestellt von Gerhard Limpach im November 2006

Als Quelle für diese Zusammenstellung dienten die im Archiv vorhandenen Akten des Pfarr- und Gemeindehauses sowie die Protokollbücher des Gemeindekirchenrates, in denen auch einige Beschlüsse der Vereinigten Gemeindekörperschaften enthalten sind. Alle Aufzeichnungen aus den Protokollbüchern sind in Anführungszeichen, kursiv und in verkleinerter Schrift, alle Aufzeichnungen aus den Akten nur in verkleinerter Schrift dargestellt. Einige Passagen erscheinen sowohl hier als auch in anderen Veröffentlichungen zur Geschichte der Gemeinde, dies ließ sich leider nicht vermeiden. Bei der Wiedergabe handelt es sich insbesondere um Auszüge aus den bis 1945 in Sütterlin- und deutscher Schreibschrift handgeschriebenen Unterlagen, die zu lesen heutzutage den meisten Menschen Schwierigkeiten bereitet. Da nach 1945 nur maschinen geschriebene Texte vorliegen, ist jedem Interessierten die Forschung ohne Schwierigkeiten möglich.

Von der Planung bis zur Einweihung: 
4. Mai 1897 bis 30. Oktober 1899

Grundriss Erdgeschoss 
(Zeichnung als PDF-Datei)

Strassenansicht 
(Foto als PDF-Datei)

Gemeindesaal 
(Foto als PDF-Datei)

Deckblatt der Festschrift als PDF-Datei

Ein Pedalharmonium wird geliefert und ein Verein wird gegründet 
und dazwischen passiert noch so Einiges
November 1899 bis 1927

Plakat mit Aufruf zum Vereinsbeitritt 
(Foto als PDF-Datei)

Asyl im Gemeindehaus für das Flecksche Lyceum, 
diverse Baumaßnahmen und noch so allerlei
1927 bis 1933

Weihnachtsfeier der Privatschule Hamann im Dezember 1933 im Gemeindesaal
(Foto als PDF-Datei)

Schreckliche Zeit
1934 bis 1944

Nach dem Krieg - Wiederaufbauzeiten
1945 bis 1961

Die sechziger Jahre
1962 bis 1968

Die siebziger Jahre
1972 bis 1978

Die achtziger Jahre
1980 bis 1987

Im Jahre 1987 enden die Aufzeichnungen über das Gemeindehaus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde sowie über einige Ereignisse aus ihrem Leben, da der Verfasser dieser Zeilen am 31. Dezember 1987 seine Tätigkeit als Rendant beendete und in den Ruhestand trat.

Gerhard Limpach
im November 2006


Quellen: Archiv der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde
Protokollbücher des Gemeindekirchenrates ab 1896 bis 1990


hier kann die Dokumentation im Zusammenhang als PDF aufgerufen werden >>>


 

Pfarrer Gerhard Jacobi und KWG in der Kirchenkampfzeit

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde 
in der Zeit des Kirchenkampfes
und das Wirken ihres Pfarrers Gerhard Jacobi für die
"Bekennende Kirche"


von Gerhard Limpach


Anlass zu diesem Artikel gab die Mitarbeit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde in dem Arbeitskreis "Christen jüdischer Herkunft im Nationalsozialismus", der sich mit dem Schicksal getaufter Menschen mosaischen Glaubens und deren Schicksal beschäftigte. Im Zusammenhang mit dieser Aufgabe wurde auch über das Verhalten der Kirchengemeinden zu dieser Thematik gesprochen und dabei der Kirchenkampf in den Jahren 1930 bis 1945 zur Sprache gebracht. Eine bedeutende Rolle spielte in dieser Zeit der Pfarrer Gerhard Jacobi an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde. Darüber soll hier berichtet werden. 

>>>mehr<<<  (PDF-Datei)


Kirchenkampf in Charlottenburg

Der Kampf der Bekennenden Kirche in Charlottenburg war in besonderem Maße von den Auseinandersetzungen mit dem Reichsbischof Ludwig Müller und dem Evangelischen Oberkonsistorialrat in der Jebensstraße geprägt. Überregionale Bedeutung hatten die Ereignisse in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, in der der Präses der Bekennenden Kirche für Berlin, Pfarrer Gerhard Jacobi, wirkte. 
In den Charlottenburger Gemeinden kam es zu teilweise heftigen kirchenpolitischen Kontroversen. Nach den Kirchenwahlen vom 23. Juli 1933 dominierten die "Deutschen Christen" in  vielen Gemeindekirchenräten mit einer Dreiviertelmehrheit. Die Bekenntnispfarrer hatten jedoch einen großen Rückhalt unter den aktiven Gemeindemitgliedern und sammelten teilweise große Bekenntnisgemeinden um sich.

Nationalsozialisten in den Gemeindevertretungen versuchten, die Bekenntnispfarrer zu disziplinieren, denunzierten sie bei den übergeordneten Behörden oder zeigten sie bei der Gestapo an.  Pfarrer Jacobi wurde sogar tätlich angegriffen und mehrmals verhaftet. Die Nationalsozialisten erreichten jedoch nicht ihr Ziel, Bekenntnispfarrer ihres Amtes zu entheben.
 

Pfarrer Gerhard Jacobi, 1891 in Bremen geboren, wirkte seit 1930 an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Er hatte als Pfarrer in Halle und Domprediger in Magdeburg Erfahrungen mit Großstadtgemeinden sammeln können, die in sein 1929 veröffentlichtes "Tagebuch eines Großstadtpfarrers" einflossen. In den kirchenpolitischen Auseinandersetzungen mit den "Deutschen Christen" war er eine der herausragenden Persönlichkeiten der Bekennenden Kirche. Bereits 1932 war Pfarrer Jacobi Mitarbeiter der Zeitschrift "Neuwerk. Ein Dienst am Werdenden". Der das Blatt tragende Kreis bekämpfte alle gesellschaftlichen, vor allem alle politischen Bindungen der Kirche, setzte sich für die völlige Trennung von Staat und Kirche ein und bemühte sich in besonderem Maße um die Arbeiterschaft.
 

Seit Mitte 1932 bildete sich ein Kreis um Pfarrer Jacobi, der sich die reformatorische Neubesinnung der Theologie und die Gestaltung des Neuaufbaus der Kirche zum Ziel setzte. Zu dieser Gruppe gehörten unter anderem Dietrich Bonnhoeffer, E.F. von Rabenau, Martin Albertz, Hermann Sasse und W. Künneth. Dieser so genannte Jacobikreis bestand überwiegend aus jüngeren Berliner und Brandenburger Pfarrern und traf sich regelmäßig, jeden Montag um 17.30 Uhr, im Gemeindehaus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in der Achenbachstraße 18, heute Lietzenburger Str. 39. 

Im Vorfeld der von den Nationalsozialisten für den 23. Juli 1933 durch Einflussnahme und Gesetzgebung festgelegten Kirchenwahl wurden die ?Deutschen Christen? materiell und propagandistisch  im Wahlkampf  massiv von der NSDAP unterstützt, während die Gruppe "Evangelium und Kirche", in der die anderen kirchlichen Richtungen großen Teils aufgegangen waren, extrem behindert wurde. 
Nachdem es für alle Nationalsozialisten als Pflicht galt, sich in die kirchlichen Wahllisten eintragen zu lassen,  brachte dies, die manipulativ kurzfristige Anberaumung der Wahl nebst der massiven Unterstützung und der Manipulationen durch die nationalsozialistische Führung den "Deutsche Christen" große Mehrheiten, die sofort in den Synoden der altpreußischen Landeskirche kirchenpolitisch im nationalsozialistischen Sinne kirchenpolitisch eingesetzt wurden.  
Die von Pfarrer Jacobi als Sprecher der Minderheitsfraktion ?Evangelium und Kirche? in der von den Deutschen Christen majorisierten brandenburgischen Provinzialsynode vorgetragene Kritik an den staatlichen "Arierparagraphen" wurde von den "Deutschen Christen" durch die Übernahme des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" auf die altpreußische Kirche rigoros niedergestimmt. 
Auch auf der preußischen Generalsynode am 5./6. September 1933, die als "braune Synode" in die Geschichte des Kirchenkampfes einging, stimmten die Vertreter der "Deutschen Christen" für den sogenannten Arierparagraphen. Nicht zuletzt aus diesem Grunde zog die Gruppe "Evangelium und Kirche" mit dem westfälischen Präses Koch, der am Reden gehindert worden war, an der Spitze aus der Generalsynode, die im preußischen Herrenhaus stattfand, aus.
 

Die Gründung des Pfarrernotbundes
Inzwischen formierte sich jedoch die innerkirchliche Opposition gegen den Machtmissbrauch der "Deutschen Christen" weiter. Die Jungreformatoren hatten sich zwar unmittelbar nach den Wahlen am 24. Juli während einer Zusammenkunft des Jacobikreises als Gruppe zurückgezogen, doch sie bildeten z.T. das bewegungsmäßige Potential für die sich sammelnde Bekenntnisopposition. Dabei war der weiter regelmäßig in der Achenbachstr. 18 (heute Lietzenburger Str. 39) tagende Jacobikreis ein wichtiger Kristallisationspunkt.

 

Am 11. September 1933 kam es bei einer Zusammenkunft von ca. 80 bis 100 Pfarrern im Gemeindehaus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zur Gründung des Pfarrernotbundes. Die sehr engagierten Pfarrer Eugen Weschke, Günther Jacob und Herbert Goltzen aus der Niederlausitz unterbreiteten den von ihnen wochenlang vorbereiteten Vorschlag über die Bildung einer Notvereinigung evangelischer Pfarrer.


Pfarrer Eugen Weschke erinnert sich:

"Der Pfarrernotbund ist am 11. September 1933 in der Wohnung von Bruder Jacobi in der Achenbachstraße von den Brüdern Jacob, Goltzen und von mir gegründet worden. Ich hielt ein kurzes Referat und gab die Begründung für die dringend notwendige Sammlung in möglichst weitem Ausmaß. Etwa 60 Brüder unterschrieben an diesem Abend sofort die Notbundverpflichtungsformel, die Bruder Jacob (?) verfasst hatte. Bruder Niemöller nahm noch kurz das Wort. In der darauffolgenden Nacht ging die Verpflichtungsformel mit Hilfe des Pfarrbüros und Br. Niemöller in tausenden von Exemplaren hinaus. (?)"
 

Der Aufruf, sich dem Pfarrernotbund anzuschließen, hatte ein überraschendes Echo. Allein bis zur Nationalsynode in Wittenberg am 27. September 1933 waren bereits ca. 2000 Pfarrer dem Pfarrernotbund beigetreten, dessen Führung von Pfarrer Martin Niemöller übernommen wurde. 

Der Protest der Notbund-Pfarrer konnte zwar die Wahl des Wehrkreispfarrers Ludwig Müller zum Reichsbischof nicht verhindern. Von der plötzlichen innerkirchlichen Opposition überrascht, wagte dieser es aber nicht, den Arierparagraphen zum Reichskirchengesetz zu erheben.
 

Mitglieder des Pfarrernotbundes der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirchengemeinde mit dem Datum des Beitritts, soweit bekannt: 
 

Pfarrer Gerhard Jacobi (15. September  1933)

Vikarin Elisabeth Zinn, 1938 verheiratete Bornkamm (September 1933)

Vikar Gerhard Lohmann (27. Februar 1934)

Vikar Götz Grosch

Vikarin Annemarie Schilling, verheiratete Grosch (1. Januar 1944)
 

Berliner Bruderrat der Bekennenden Kirche
Die zentrale  Berliner Geschäftsstelle der Bekennenden Kirche war kurze Zeit beim Bruderratsvorsitzenden Pfarrer Jacobi im Gemeindehaus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Achenbachstr. 18 (heute Lietzenburger Str. 39). Anfang 1934 zog das Büro gegenüber in das Haus Achenbachstr. 3, in die Wohnung der Gemeindehelferin von Jacobi, Frau Käthe Balzer. Hier fanden wichtige Sitzungen statt, von hier aus wurden BK-Materialien, wie Kanzelabkündigungen und Fürbittelisten, verteilt und das Prüfungswesen der Bekennenden Kirche organisiert. Zur Unterstützung der Arbeit wurde 1937 der Vikar Martin Arndt als Prädikant an das BK-Büro überwiesen. 
Weitere Mitstreiterinnen waren u.a. die Gemeindehelferin Charlotte Oertel, Achenbachstr. 9 und die Lehrvikarin Annemarie Schilling (verh. Grosch), die im April 1939 Pfarrer Jacobi zugeordnet wurde.


Frau Balzer, die während des Kirchenkampfes zweimal inhaftiert war, berichtete, dass alles sehr schnell und im Verborgenen geschehen musste, da die Gestapo oft im Büro auftauchte. Am 10. Oktober 1936 beschlagnahmten beispielsweise zwei Gestapobeamte einen bereits seit Wochen versiegelten Abzugs-Apparat, der für die Verbreitung von Nachrichten eigentlich unverzichtbar war.

Unterlagen, die das Interesse der Gestapo hätten wecken können, wurden bei dem vertrauenswürdigen Buchhändler Streisand in der nahe gelegenen Eislebener Straße 4 und bei einem Schuster versteckt. Einmal war die Gestapo sogar während einer verbotenen Prüfung erschienen. Da die große Wohnung jedoch Aufgänge nach vorn und hinten (zum Gartenhaus) besaß, hatte man in solchen Fällen entweichen können.
 

(Quelle: Heinrich-Wilhelm Wörmann: Widerstand in Charlottenburg aus der Schriftenreihe Widerstand 1933 ? 1945 der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Band 5. 2. Auflage [mit erheblichen Kürzungen durch die Redaktion])


Kirchenkampf in Charlottenburg als PDF

 

   
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