Perspektive 2025. Wie geht es weiter mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche?

Veröffentlicht am Mi., 26. Feb. 2020 00:00 Uhr
Kirchengebäude

Man reibt sich die Augen: Endlich wieder freier Blick auf die Gedächtniskirche! Zehn Jahre lang standen dort Baugerüste, erst am Alten Turm, dann am modernen Glockenturm. Zehn traurige Jahre für alle, die dies Berliner Wahrzeichen in seinem markanten Miteinander von Altem und Neuem fotografieren wollten. Nun verschwindet das Baugerüst vom Glockenturm. Bloß am Sockel bleiben noch Bauzäune, bis die Podiumfläche auch in ihrem östlichen Teil fertig saniert ist, und leider bleiben wohl auch noch die Drahtkörbe und Poller, die den Breitscheidplatz als Sicherheitsmaßnahme unschön umgeben.

Die Fotografen müssen sich allerdings beeilen. Vielleicht schon ab Herbst kehrt das Gerüst zurück, und dann noch mal für mehrere Jahre. Bisher diente es nur dem Schutz der Passanten vor abplatzendem Beton und hat sorgfältige Untersuchungen ermöglicht, aber es wurde noch kein Stück gebaut! Denn noch fehlte das Geld für die millionenschwere Sanierung.

Im Januar wurden die Schäden erneut registriert und in Baupläne eingetragen. Sie haben heftig zugenommen in den letzten Jahren, und das nicht nur am Beton. Auch die über 5 000 Glaselemente, die den Turm so wie die Kirche geheimnisvoll blau leuchten lassen, müssen jetzt alle zur Überarbeitung in die Werkstatt. Bei etlichen von ihnen müssen die farbigen Glasstücke sogar völlig neu in Beton gefasst werden, weil sie sonst auseinanderfallen würden. Dazu wird gerade bei der Bundesanstalt für Materialprüfung untersucht, ob neue Verfahren helfen können, den filigranen und mittlerweile 60 Jahre alten Beton in seinen Rostschutzeigenschaften wieder zu verbessern.

Die dringend notwendige Sanierung des Glockenturms ist ein erster Schritt – nach der laufenden Podiumssanierung, nach der vorhergehenden Grundinstandsetzung der Kapelle und noch davor der Generalüberholung des Alten Turms. Aber auch die Ausstellung im Alten Turm, vor über dreißig Jahren mit einfachen Mitteln konzipiert, bräuchte schon seit langem eine Erneuerung. Hier soll es künftig möglich werden, auch ins Innere der Turmruine zu gelangen, bis in 20 Meter Höhe, über Treppen oder mit dem Aufzug. Die dorthin erweiterte Ausstellung soll den Besucherinnen und Besuchern aller Welt noch viel besser als bisher nahebringen, wofür diese Turmruine steht: als Mahnmal für Frieden und Versöhnung.

Und dann kommt das Foyergebäude an die Reihe, der westliche Anbau hinter der Kirche. Hier soll so etwas wie ein Museumscafé entstehen, verbunden mit einladender Außengastronomie mitten auf dem Breitscheidplatz, und dort mittendrin eine Stelle, wo Kirche „ansprechbar“ ist, wo man Informationen zum kirchlichen Leben bekommt, wo man seine Fragen loswerden kann und auch das, was einem auf der Seele liegt. Ungefähr gleichzeitig ist dann auch die Fassade des Kirchenachtecks an der Reihe.

Zum gesamten Vorhaben gehören außerdem zwei neue Rampen, um alle Gebäude barrierefrei erreichbar zu machen. Dazu dezente, aber wirksame Beleuchtung auf der Fläche um die Kirche herum, die bisher bei Dunkelheit wenig einladend wirkt und finstere Ecken aufweist; und ein Wegeleitsystem, damit man sich zwischen den fünf Einzelgebäuden besser als bisher zurechtfindet, auch als Touristin oder Tourist. Gestalterisch sind das jeweils sehr komplexe Aufgaben bei diesem denkmalgeschützten, sorgfältig durchkomponierten Ensemble des Architekten Egon Eiermann.

Noch immer hängt es aber an der Finanzierung dieses Gesamtprojekts „Perspektive 2025. Nutzung und Sanierung“. Seit 2015 wurde es in vielen Expertenrunden entwickelt und ausgearbeitet. Die derzeit veranschlagte Gesamtsumme beträgt 36 Millionen Euro. Davon hat der Deutsche Bundestag 2018 1,5 Millionen Euro Anschubfinanzierung bewilligt und die Summe der Bundesmittel im November 2019 auf 17,5 Millionen Euro erhöht. Die Evangelische Kirche, die Wüstenrot Stiftung, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz tragen jeweils ihren Teil bei.

Jetzt kommt alles darauf an, dass auch das Land Berlin für sein Wahrzeichen eine finanzielle Mitverantwortung übernimmt. Unterstützung wird seit Jahren von allen Parteien signalisiert, noch sucht der Berliner Senat aber nach Möglichkeiten, wie er das Vorhaben in der erforderlichen Größenordnung fördern kann. Die Zeit drängt. Solange die Landesmittel nicht bewilligt sind, liegen auch die Bundesmittel weitestgehend auf Eis. Auch vorbereitende Wettbewerbsverfahren, um zu guten architektonischen Lösungen zu gelangen, können nicht ausgelobt werden. Und jedes auf die Weise verstreichende Jahr lässt die Gesamtkosten um weitere Millionen anwachsen, einfach infolge der steigenden Baupreise.

„Perspektive 2025“ heißt das Projekt, weil bei optimalem Verlauf alles bis zum Jahr 2025 zu schaffen wäre. Dann oder sogar noch ein paar Jahre eher könnte der Besuch der Kirche und der neuen Ausstellung im Alten Turm mit einem kleinen Imbiss im Foyergebäude beginnen oder bei einem Glas Wein ausklingen. Und ab 2026 hätten auch die Fotografen wieder dauerhaft freien Blick aus allen Himmelsrichtungen.

Zum Gelingen können auch Sie beitragen. Aktuell hilft noch jede Podiumpatenschaft und jede Spende für Podiumziegel, die Flächensanierung zum schönen Abschluss zu bringen. Unter www.betreten-erbeten.de können Sie Podiumpate oder -patin werden! Und alle Liebhaberinnen und Liebhaber des schönen blauen Lichts in der Kirche können sich schon mit dem Gedanken anfreunden, dass auch die insgesamt
21 334 Glaselemente in Glockenturm und Kirche viel liebevolle Zuwendung brauchen.

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